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Christi Himmelfahrt.

Christi Himmelfahrt

„Aufge­fahren in den Himmel, sitzet zur rechten Hand Gottes, des Vaters.“ So bekennen wir im Glaubensbe­kenntnis, das ist der Inhalt des Festes. Aufgefahren in den Himmel, sitzet zur rechten Hand Got­tes, des Vaters.

Mit die­sem Fest tun sich man­che schwer. Die ungläu­bige Mensch­heit hat an die Stelle der Him­mel­fahrt des Herrn den Vater­tag gesetzt, einen völ­li­gen Unsinn.

Aber auch die Gläu­bi­gen wer­den von Fra­gen gepei­nigt, was es mit der Him­mel­fahrt des Herrn, was es mit dem Him­mel auf sich hat, und wir müs­sen uns den Fra­gen stel­len.

Predigten zum Fest Christi Himmelfahrt

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Durch Trüb­sale in das Reich Got­tes

Im Namen des Vaters und des Soh­nes und des Hei­li­gen Geis­tes. Amen.

Geliebte im Herrn!

Durch viele Trüb­sale müs­sen wir ein­ge­hen in das Reich Got­tes. Zu den Trüb­sa­len, die uns ver­ord­net sind, gehö­ren Krank­hei­ten, Nie­der­la­gen, Ver­luste, Ent­beh­run­gen. Aber es gehö­ren auch dazu die Ent­täu­schun­gen. Ent­täu­schun­gen sind Erfah­run­gen, die wir mit Men­schen machen, auf die wir Zuver­sicht und Ver­trauen gesetzt hat­ten, die aber unsere Zuver­sicht und unser Ver­trauen nicht gerecht­fer­tigt haben. Durch viele Ent­täu­schun­gen müs­sen wir ein­ge­hen in das Reich Got­tes.

Reich an Ent­täu­schun­gen ist die Ehe. Man muß nicht gleich an die ehe­li­che Untreue den­ken, obwohl sie häu­fig genug ist. Auch viele andere Begeb­nisse im Laufe der Ehe las­sen den einen oder den ande­ren oder beide Gat­ten die trau­rige Fest­stel­lung tref­fen: Das hatte ich von dir nicht erwar­tet. Reich an Ent­täu­schun­gen ist die Ehe. Gat­ten ent­täu­schen ein­an­der. Aber auch die Kin­der ent­täu­schen ihre Eltern. Ein unge­ra­te­ner Sohn und eine leicht­sin­nige Toch­ter sind bit­tere Ent­täu­schun­gen für die Eltern, die sich etwas ande­res von ihnen erwar­tet hat­ten. Die Eltern haben ver­zie­hen, immer wie­der, aber stets von neuem wur­den sie von ihren Kin­dern ent­täuscht. Und so geht es manch­mal dahin, bis sich die Augen im Tode schlie­ßen.

Wer­den auch Kin­der von ihren Eltern ent­täuscht? O ja, auch das gibt es. Wie­der­hol­ter Zank zwi­schen Vater und Mut­ter, recht­ha­be­ri­sches Strei­ten, lieb­lose gegen­sei­tige Vor­würfe kön­nen den Kin­dern das Eltern­haus ver­lei­den, so daß sie sich nach drau­ßen seh­nen. Man­che Kin­der tra­gen in ihren See­len dunkle Schat­ten, düs­tere Erin­ne­run­gen an Erleb­nisse aus dem Eltern­haus, von denen sie zu nie­man­dem spre­chen, die aber in ihrer Seele unauf­ge­löst und wie eine schwere Last lie­gen.

Durch viele Trüb­sale, durch zahl­lose Ent­täu­schun­gen müs­sen wir ein­ge­hen in das Reich Got­tes – Ent­täu­schun­gen zwi­schen Geschwis­tern, Ver­wand­ten, Arbeits­kol­le­gen. Es ist eine end­lose Kette, die sich in unse­rem Leben hin­durch­zieht. Ent­täu­schung reiht sich an Ent­täu­schung. Ent­täu­schun­gen sind wie Dolch­sti­che. Sie ver­wun­den das Herz des Men­schen; und wenn die Wun­den auch mit der Zeit viel­leicht hei­len, die Nar­ben blei­ben.

Auch Jesus, unser Hei­land, hat viele Ent­täu­schun­gen erlebt. Auch er ist von Ent­täu­schun­gen nicht ver­schont geblie­ben. Ent­täuscht hat ihn sein Volk. Es war das aus­er­wählte Volk, und es hätte ihn mit Begeis­te­rung emp­fan­gen, seine Lehre anneh­men, seine Wei­sun­gen befol­gen sol­len. Aber sein Volk hat ihn abge­lehnt, hat ihn ver­wor­fen, hat ihn ans Kreuz gebracht. Wie muß Jesus von sei­nem Volk ent­täuscht gewe­sen sein! „Jeru­sa­lem, Jeru­sa­lem, wie oft wollte ich deine Kin­der sam­meln, wie eine Henne ihre Küch­lein sam­melt, aber du hast nicht gewollt.“ Ob die­ser Ent­täu­schung hat der Herr, an den Hal­den von Jeru­sa­lem sit­zend, über seine Stadt geweint.

Ent­täuscht haben ihn auch seine Jün­ger. Ihr Unver­ständ­nis, ihr irdi­scher Sinn haben unse­rem Herrn schwer zuge­setzt. Und was soll ich sagen von den Ent­täu­schun­gen, die sie ihm berei­tet haben in sei­nem Lei­den? Ver­leug­nung des Petrus, Ver­rat des Judas, Flucht der Apos­tel. Und als er dann sieg­reich auf­er­stan­den war, da wur­den ihm neue Ent­täu­schun­gen berei­tet, denn die Jün­ger waren so zögernd und so schwer von Begriff. Sie moch­ten vor Trau­rig­keit oder vor Freude nicht glau­ben, daß es der auf­er­stan­dene Hei­land ist, der vor ihnen stand, und der Zwei­fel des Tho­mas zeigt, wie es in ihnen bestellt war. Ent­täu­schun­gen auch nach dem Tri­umph der sieg­rei­chen Auf­er­ste­hung.

Heute ist das Fest der Him­mel­fahrt. Durch viele Ent­täu­schun­gen mußte Chris­tus in die Selig­keit des Vaters ein­ge­hen. Der Jün­ger ist nicht über sei­nem Meis­ter. Wir brau­chen uns des­we­gen nicht zu wun­dern, wenn unser Leben von Ent­täu­schun­gen durch­setzt ist. Mag die Wis­sen­schaft noch so viel ent­de­cken, mag die Tech­nik noch so viel erfin­den, es gibt eine Quelle der Ent­täu­schun­gen, die nie ver­stopft wer­den wird, das ist der Mensch, der unzu­ver­läs­sige, der brü­chige, der an seine Sün­dennei­gung ver­lo­rene Mensch, der die Ent­täu­schun­gen berei­tet. Diese Quelle der Ent­täu­schun­gen wird immer offen blei­ben, solange diese Welt steht.

In der Ewig­keit aller­dings wird es keine Ent­täu­schun­gen mehr geben. Der Him­mel ist eine Stätte, in der die Ent­täu­schun­gen auf­hö­ren. Da wer­den wir viele tref­fen, die wir gekannt haben, und sol­che, die wir nicht gekannt haben. Und es wer­den immer neue Glie­der in den Him­mel hin­zu­kom­men, denn die Erde bevöl­kert fort­wäh­rend den Him­mel. Aber da ist kei­ner, der uns ent­täu­schen wird. Das wird sicher ein gro­ßer Teil der Selig­keit des Him­mels sein, daß wir von Men­schen umge­ben sind, die uns nicht mehr ent­täu­schen. Wie ist es schon auf Erden so tröst­lich, wenn man in einer Gemein­schaft ist, auf deren Glie­der man sich ver­las­sen kann! Wie ist es doch tröst­lich zu wis­sen, einer steht für den ande­ren ein, kei­ner ist ein Fal­scher, alle sind bemüht, ein­an­der bei­zu­ste­hen und zu hel­fen! Und wie ist es auf Erden krän­kend und bedrü­ckend, wenn man befürch­ten muß: Da ist einer, der ein Ver­rä­ter ist, der tut bloß so, der heu­chelt, der wird uns ent­täu­schen.

Auch wir wer­den in der Selig­keit des Him­mels nie­man­den mehr ent­täu­schen. Auf Erden haben wir oft ent­täuscht. Manch­mal ist uns mit dür­ren Wor­ten gesagt wor­den: Du hast mich ent­täuscht. Und ein ander­mal haben wir es an den vor­wurfs­vol­len Bli­cken abge­le­sen, daß wir andere ent­täuscht haben. Ent­täu­schun­gen berei­ten die meis­ten, viel­leicht alle Men­schen. Auch vor den Die­nern des Hei­lig­tums ist man nicht sicher. Man­chem ist schon durch das, was er an einem Pries­ter erle­ben mußte, ein gan­zer Him­mel ein­ge­stürzt. In der Ewig­keit wer­den wir nie­man­den mehr ent­täu­schen. Da gibt es nur noch Sie­ger, die dem Herrn das Lob­lied ihres Tri­um­phes sin­gen. Aber jetzt ist die Zeit des Kamp­fes. Hier müs­sen wir rin­gen, daß wir andere nicht ent­täu­schen, und hier müs­sen wir bereit sein, Ent­täu­schun­gen, die uns andere berei­tet haben, zu ver­zei­hen. Nur so erwer­ben wir uns die Anwart­schaft auf jenen Zustand, wo kein Ent­täu­schen und kein Ent­täuscht­wer­den mehr sein wird.

Amen.

Mit freundlicher Genehmigung „Professor Georg May - Christi Himmelfahrt „ www.Glaubenswahrheit.org“